{"id":213,"date":"2012-04-16T23:34:03","date_gmt":"2012-04-16T21:34:03","guid":{"rendered":"http:\/\/schwulenreferat.blogsport.de\/2012\/04\/16\/zwei-fliegen-mit-einer-klappe-zum-senatsantrag-bezueglich-kosmetischen-genitaloperationen-im-universitaetsklinikum-giessen-und-marburg\/"},"modified":"2013-01-20T21:14:42","modified_gmt":"2013-01-20T20:14:42","slug":"zwei-fliegen-mit-einer-klappe-zum-senatsantrag-bezueglich-kosmetischen-genitaloperationen-im-universitaetsklinikum-giessen-und-marburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/?p=213","title":{"rendered":"Zwei Fliegen mit einer Klappe (zum Senatsantrag bez\u00fcglich kosmetischen Genitaloperationen im Universit\u00e4tsklinikum Gie\u00dfen und Marburg)"},"content":{"rendered":"<p><strong>PRESSEMITTEILUNG des Autonomen FrauenLesben-Referats im AStA Marburg<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Fliegen mit einer Klappe<\/p>\n<p>In der Senatssitzung der Universit\u00e4t Marburg am 16.04.2012 wurde als Tagesordnungspunkt 9 der Antrag \u201eStellungnahme des Senats zu kosmetischen Genitaloperationen im Universit\u00e4tsklinikum Marburg \/ Gie\u00dfen an Kindern und Jugendlichen\u201c von den Linken Listen und dem Autonomen FrauenLesbenReferat in Kooperation mit der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org eingebracht.<\/p>\n<p>Darin wurde der Senat und das Pr\u00e4sidium aufgefordert, eine \u00f6ffentliche Stellungnahme zur Problematik von kosmetischen Genitaloperationen bei Kindern und Jugendlichen mit \u201eatypischen\u201c k\u00f6rperlichen Geschlechtsmerkmalen abzugeben, eine Darstellung und Auseinandersetzung zum Ausma\u00df und Umfang dieser Praxis am Universit\u00e4tsklinikum Marburg zu bewirken und sich f\u00fcr eine Untersagung dieser Praxis einzusetzen.<\/p>\n<p>Schon zu Beginn der Sitzung wurde versucht dem Tagesordnungspunkt durch Streichung zu entgehen.<\/p>\n<p>Neben den regul\u00e4ren Senatsmitgliedern waren Vertreter_innen der antragstellenden Gruppen sowie weitere G\u00e4ste anwesend. In den hinteren Reihen fanden sich Vertreter des Uniklinikums ein. Letztere waren vom Universit\u00e4ts-Pr\u00e4sidium eingeladen worden, um den Umgang mit kosmetischen Genitaloperationen am Uni-Klinikum zu erl\u00e4utern. Der (Chef?) Vertreter der Kinderchirurgie erkl\u00e4rte zun\u00e4chst wie auch gegen\u00fcber der OP, dass nur medizinisch indizierte Operationen an Kindern und Jugendlichen durchgef\u00fchrt w\u00fcrden. Um so erstaunlicher war dann seine Antwort auf eine detailliertere Nachfrage hinsichtlich des Vorgangs bei einer Operation der Harnwege (Hypospadie\u201ckorrektur\u201c), in welcher er lapidar meinte, dass wenn w\u00e4hrend einer medizinisch notwendigen Operation die M\u00f6glichkeit einer kosmetischen Korrektur best\u00fcnde, man dann auch \u201ezwei Fliegen mit einer Klappe schl\u00e4gt.\u201c<\/p>\n<p>Die Aufforderung des Pr\u00e4sidiums und verschiedener Senatsmitglieder \u201edoch den Experten zu vertrauen\u201c erscheint durch die oben angef\u00fchrte \u00c4u\u00dferung in einem anderen Licht. \u201eNat\u00fcrlich werden in der medizinische Praxis diese Operationen nicht als kosmetische Genitaloperationen bezeichnet, sondern sie werden mit anderen Begriffen verschleiert\u201c, kommentiert Petra Thesing, Senatorin der Linken Listen, die Ausf\u00fchrungen des Kinderchirurgen.<\/p>\n<p>Angesichts solcher \u00c4u\u00dferungen erscheint die Reaktion des Senats noch verwunderlicher zu sein. Viele Senatsmitglieder fanden das Thema zwar interessant und wollen sich weiter damit auseinandersetzen, dennoch wurde nur einer Darstellung und Analyse der gegenw\u00e4rtigen und historischen Praxis in Marburg und der Umgang in der Lehre zugestimmt. Eine \u00f6ffentliche Stellungnahme und eine klare Positionierung gegen nicht medizinisch notwendige Genitaloperationen bei Kindern und Jugendlichen wurde hingegen abgelehnt.<\/p>\n<p><strong>ANTRAG: Stellungnahme des Senats zu kosmetischen Genitaloperationen im Universit\u00e4tsklinikum Marburg \/ Gie\u00dfen an Kindern und Jugendlichen<\/strong><\/p>\n<p>Kosmetische Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen, die sogenannte \u201eatypische\u201c k\u00f6rperliche Geschlechtsmerkmale aufweisen, haben f\u00fcr viele der Betroffenen verheerend psychische und physische Folgen. Darunter fallen Verlust der sexuellen Empfindungsf\u00e4higkeit, schmerzende Narben im Genitalbereich, gesundheitliche Sch\u00e4den infolge der Kastration und Traumatisierung durch aufgezwungene Behandlungen.<\/p>\n<p>Seit Jahren kritisieren u.a. die Deutschen Sektionen von Amnesty International und Terre des Femmes diese Eingriffe als menschenrechtswidrig und unterstreichen die Parallelen zur weiblichen Genitalverst\u00fcmmelung.1 Ebenso r\u00fcgten die UN-Komitees CEDAW und CAT Deutschland wegen Nichteinhaltung ihrer Schutzpflicht gegen\u00fcber den betroffenen Kindern und Jugendlichen.2<\/p>\n<p>Wir sehen diese medizinischen Eingriffe als eine starke Beschneidung des Rechts von Kindern und Jugendlichen auf k\u00f6rperliche Integrit\u00e4t und Lebensqualit\u00e4t, insbesondere im Bereich des sexuellen Empfindungsf\u00e4higkeit, und die freie Entwicklung der Pers\u00f6nlichkeit, sowie des Rechts von Kindern und Jugendlichen auf Partizipation bzw. Selbstbestimmung. In verschiedenen L\u00e4ndern, wie der Schweiz und Deutschland, wurde aktuell die ethische \u00dcberpr\u00fcfung von kosmetischen Genitaloperationen veranla\u00dft. In der BRD ver\u00f6ffentlichte der Deutsche Ethikrat im Auftrag der Bundesregierung am 23. Februar dieses Jahres eine Stellungnahme \u201eIntersexualit\u00e4t\u201c3, die das physische und psychische Leiden der Betroffenen von kosmetischen Genitaloperationen und \u2013behandlungen anerkannte und einen anderen Umgang mit nicht-eindeutigen k\u00f6rperlichen geschlechtlichen Merkmalen forderte4. Zudem forderte der Deutsche Ethikrat dazu auf, den Betroffenen Entsch\u00e4digungsleistungen zukommen zu lassen5 und im gleichen Zuge die Verj\u00e4hrung analog den bereits bestehenden Gesetzen betreffend sexualisierte Gewalt an Kindern und Schutzbefohlenen auszusetzen.6<\/p>\n<p>Um den Umfang und das Ausma\u00df an kosmetischen Genitaloperationen nachvollziehen zu k\u00f6nnen, bedarf es ebenfalls einer historischen Betrachtung. Prof. Dr. Hans Naujoks, der ab 1926 als Oberarzt und Professor auch in Marburg und sp\u00e4ter als Leiter der Frauenklinik in K\u00f6ln t\u00e4tig war, beispielsweise f\u00fchrte bereits Genitaloperationen und k\u00fcnstliche Hormonbehandlungen an Kindern und Jugendlichen durch und publizierte einige Studien zu dem Thema. In einer Dissertation von 1996 wurde in diesem Zusammenhang eine Publikation von Hans Naujoks aus dem Jahr 1934 hervorgehoben, die eine \u201e[Klitoris-]Amputation mit Stumpfbildung\u201c7 in Verbindung mit einer experimentelle Fertilit\u00e4tsbehandlung mit k\u00fcnstlichen Hormonen schilderte. Erst vor Kurzem wurden seine Methoden und Ans\u00e4tze u.a. vom Deutschen Ethikrat als \u201erassistisch motivierte medizinische Operationen an intersexuellen Menschen\u201c (Dt. Ethikrat, 19.7.11) kritisiert.8 Der Umgang mit derartigen medizinischen Praxen zeigt eine Kontinuit\u00e4t in der Behandlung von intersexuellen Menschen mit nicht-eindeutigen k\u00f6rperlichen Geschlechtsmerkmalen auf, die zur\u00fcck bis in die NSZeit in Deutschland reichen.<\/p>\n<p>Auch an den Universit\u00e4tskliniken in Gie\u00dfen und Marburg werden weiterhin in Bereichen der Endokrinologie, Kinderchirurgie und Kinderurologie kosmetische Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen durchgef\u00fchrt, u.a. Hypospadiekorrekturen, Klitoris- und Vaginalplastiken und chirurgische Hodenverlagerungen. Auch am Klinikum Fulda, dem Akademischen Lehrkrankenhaus der Philipps-Universit\u00e4t Marburg, werden in der Fachabteilung der Kinderurologie regelm\u00e4\u00dfig Hypospadiekorrekturen und chirurgische Hodenverlagerungen durchgef\u00fchrt.9 experimentelle Fertilit\u00e4tsbehandlung mit k\u00fcnstlichen Hormonen schilderte. Erst vor Kurzem wurden seine Methoden und Ans\u00e4tze u.a. vom Deutschen Ethikrat als \u201erassistisch motivierte medizinische Operationen an intersexuellen Menschen\u201c (Dt. Ethikrat, 19.7.11) kritisiert.8 Der Umgang mit derartigen medizinischen Praxen zeigt eine Kontinuit\u00e4t in der Behandlung von intersexuellen Menschen mit nicht-eindeutigen k\u00f6rperlichen Geschlechtsmerkmalen auf, die zur\u00fcck bis in die NSZeit in Deutschland reichen. Auch an den Universit\u00e4tskliniken in Gie\u00dfen und Marburg werden weiterhin in Bereichen der Endokrinologie, Kinderchirurgie und Kinderurologie kosmetische Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen durchgef\u00fchrt, u.a. Hypospadiekorrekturen, Klitoris- und Vaginalplastiken und chirurgische Hodenverlagerungen. Auch am Klinikum Fulda, dem Akademischen Lehrkrankenhaus der Philipps-Universit\u00e4t Marburg, werden in der Fachabteilung der Kinderurologie regelm\u00e4\u00dfig Hypospadiekorrekturen und chirurgische Hodenverlagerungen durchgef\u00fchrt.9<\/p>\n<p> Wir fordern den Senat und das Pr\u00e4sidium der Philipps-Universit\u00e4t Marburg auf:<\/p>\n<p>&#8211; eine \u00f6ffentliche Stellungnahme gegen nicht medizinisch notwendige Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen und nicht medizinisch notwendigen Hormonbehandlungen an Kindern und Jugendlichen abzugeben.<\/p>\n<p>&#8211; eine \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Darstellung des Umfangs, dem (historischen) Ausma\u00df und der Dauer von kosmetischen Genitaloperationen zu bewirken. Dies beinhaltet zudem eine Analyse \u00fcber den Umgang mit kosmetischen Genitaloperationen in der Lehre.<\/p>\n<p>&#8211; Des weiteren fordern wir den Senat der Philipps-Universit\u00e4t Marburg auf sowohl in der medizinischen Ausbildung als auch am Universit\u00e4ts-Klinikum der Universit\u00e4tsstadt Marburg und deren Zweigstellen darauf hinzuwirken, dass diese Operationen und Behandlungen als Bestandteil der medizinischen Praxis untersagt werden.<\/p>\n<p>1 &#8211; Amnesty International, Sektion Deutschland: Vgl. Beschluss der Jahresversammlung 2010. http:\/\/www.mersihamburg.<\/p>\n<p>de\/Main\/20100526001<\/p>\n<p>&#8211; Konstanze Plett: &#8222;Die Macht der Tabus&#8220;, amnesty journal 03\/08, S. 23.<\/p>\n<p>&#8211; Terre des Femmes Deutschland: Vgl. Marion Hulverscheidt: &#8222;Weiblich gemacht? Genitalverst\u00fcmmelung bei afrikanischen Frauen und bei Intersexuellen&#8220;, in: TDF- Menschenrechte f\u00fcr die Frau 3\/4\/2004, S. 23-26.<\/p>\n<p>Auch internationale FGM-Expertinnen unterstreichen seit Jahren die Parallelen zur weiblichen Genitalverst\u00fcmmelung, vgl.:<\/p>\n<p>&#8211; Hanny Lightfoot-Klein: &#8222;Der Beschneidungsskandal&#8220;. Berlin: Orlanda, 2003<\/p>\n<p>&#8211; Hana Asefaw\/Daniela Hrz\u00e1n: &#8222;Genital Cutting \u2013 Eine Einf\u00fchrung&#8220;, in: ZtG Bulletin 28, Berlin 2005.<\/p>\n<p>2 Abschliessende Bemerkungen des UN-Komitees zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau zum 6. Staatenbericht der Bundesrepublik Deutschland(CEDAW\/C\/DEU\/CO\/6), Punkte 4, 61, 62 und 67. http:\/\/www2.ohchr.org\/english\/bodies\/cedaw\/docs\/co\/CEDAW-C-DEU-CO6.pdf<\/p>\n<p>3 http:\/\/www.ethikrat.org\/dateien\/pdf\/stellungnahme-intersexualitaet.pdf .<\/p>\n<p>4 Empfehlung 6 und 7 zur medizinischen Behandlung, Stellungnahme &#8222;Intersexualit\u00e4t&#8220; S. 174.<\/p>\n<p>5 Vgl. Abschnitt 8.3.8.1. &#8222;Entsch\u00e4digungsfonds&#8220;, Stellungnahme &#8222;Intersexualit\u00e4t&#8220; (S. 164-166).<\/p>\n<p>6 Empfehlung 14 zur medizinischen Behandlung, Stellungnahme &#8222;Intersexualit\u00e4t&#8220; S. 176.<\/p>\n<p>7 Dominik Leitsch: &#8222;Die Intersexualit\u00e4t. Diagnostik und Therapie aus kinderchirurgischer Sicht.&#8220; Dissertation, K\u00f6ln 1996, S. 47. Die von Leitsch angesprochene Publikation: Hans Naujoks: &#8222;\u00dcber echte Zwitterbildung beim Menschen und ihre Beeinflussung&#8220;, in: Zeitschrift f\u00fcr Geburtsh\u00fclfe und Gyn\u00e4kologie Nr. 109\/2, S. 135-161.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>PRESSEMITTEILUNG des Autonomen FrauenLesben-Referats im AStA Marburg Zwei Fliegen mit einer Klappe In der Senatssitzung der Universit\u00e4t Marburg am 16.04.2012 wurde als Tagesordnungspunkt 9 der Antrag \u201eStellungnahme des Senats zu kosmetischen Genitaloperationen im Universit\u00e4tsklinikum Marburg \/ Gie\u00dfen an Kindern und Jugendlichen\u201c von den Linken Listen und dem Autonomen FrauenLesbenReferat in Kooperation mit der Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,15,19,20,8],"tags":[],"class_list":["post-213","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-hochschulpolitik","category-intersex-protest","category-pressemitteilungen","category-veranstaltungen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/213","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=213"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":504,"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/213\/revisions\/504"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=213"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=213"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abstqr-giessen.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=213"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}